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TOM PEUCKERT NATÜRLICHE SCHWANKUNG Farce Personen:                  Bürgermeister                                 Autor                                 Intendant                                 Assistentin des Bürgermeisters                                 Experte BMI                                 Vera                                 Blutiger Mann, später Science Manager                                 Lizzy von Wackenröder         Eine deutsche Stadt. Überall Kunstrasen. Auszug: Szene III Der Experte des Bundesinnenministeriums. Survival-Parka, Aktentasche und Gitarrenkoffer. Vera serviert Kaffee. EXPERTE BMI: Sie weinen? VERA: Entschuldigung. EXPERTE BMI: Weinen Sie! Eine Frau, die weint, kommt geschmeidiger durchs Leben. Es gibt Studien. Weibliche Überlebensraten bei Unfällen der männlichen Natur. Die weibliche Träne saugt destruktive Energie bei den Tätern ab. Alles im Promillebereich, aber immerhin. Ich weiß, was Sie jetzt denken. Dafür braucht eine Frau keine Studie. Erzählen Sie mir von Ihrem Kummer. VERA: Wer sind Sie denn? EXPERTE BMI: Ein geduldiger Zuhörer. Ein verschwiegener, wenn Sie wollen. VERA: New Models for Germany. Abgesagt. Kam eben per SMS rein. EXPERTE BMI: New Models for Germany - VERA: Der Local Contest. Jede Stadt eine Kandidatin. EXPERTE BMI: Sie hatten Ambitionen? VERA: Gecastet und genommen. Aus tausendundeiner Gierschlunze. Wie ich in dieser abgeranzten Fabrikhalle stand. Der Wahnsinn war mit Händen zu greifen. EXPERTE BMI: Und? VERA: Gecastet und genommen. EXPERTE BMI: Bravo! VERA: Abgesagt. Wegen der Ereignisse. Alle Verträge gecancelt. Es gibt keinen Local Contest. Höhere Gewalt, schreibt der Anwalt von denen. Ich vertrockne in dieser Sadt. EXPERTE BMI: Wie das Gras. VERA: Was mischt sich dieses Scheißgras in mein Leben ein?! Ich gehe hier zugrunde. EXPERTE BMI: Darf ich Sie retten? VERA: Wer sind Sie denn, dass Sie so reden? Der Scheich oder was? EXPERTE BMI: Der Scheich ist ein Hanswurst gegen mich. VERA: Sie denken, die bringt hier den Kaffee. Die ist scharf auf eine Nummer im Prollfernsehen. Das denken Sie doch. EXPERTE BMI: Sie sind zwanzig Jahre jünger. Haut wie Seide. Da vergeht mir der Bildungshochmut. VERA: Vielleicht gebe ich Ihnen meine Handynummer. EXPERTE BMI: Mit Ihnen würde ich jederzeit für ein verlängertes Wochenende nach New York fliegen. VERA: Bilden Sie sich bloß nichts ein. Ich lasse Sie in der Mailbox verhungern. EXPERTE BMI: Sie unterschätzen meine Ressourcen. Das Hungerproblem hat mich beruflich immer interessiert. Der Bürgermeister kommt. BÜRGERMEISTER: Bundesministerium des Innern? Sind Sie das? EXPERTE BMI: Sie sehen müde aus, Bürgermeister. Ihre Augen sind rot. Weinen Sie etwa auch? BÜRGERMEISTER: Ich werde angerufen. Die Stimme am Telefon äußerst unsanft. Ich bekomme etwas erzählt. Fehler beim Krisenmanagement. Externer Beratungsbedarf. Konsequenzen, die jetzt gezogen werden. Verstehe ich kein Wort. Ich bin im Augenblick wahnsinnig unter Druck, wissen Sie. Als wäre das da draußen nicht kompliziert genug. EXPERTE BMI: Ich darf Sie korrigieren - BÜRGERMEISTER: Ich rage in die Landschaft wie ein moderner Gletscher. Alles fließt ab von mir. Die Wähler, die Freunde, das Glück. EXPERTE BMI: So kompliziert ist das da draußen nicht. Das Bundesinnenministerium betrachtet die Katastrophe nicht als Ende jeglicher Ordnung. BÜRGERMEISTER: Katastrophe? Wollen Sie aus ein paar verschrumpelten Wiesen eine Katastrophe machen? EXPERTE BMI: Wenn die Herstellung von Waffen erst einmal lohnender ist als die Herstellung von Werkzeugen, wird Massenmord zur höchsten Form der Verwaltungskunst. Genozid ist dann nichts anderes als eine präzise Kalkulation im Rahmen der Logik vor Ort. BÜRGERMEISTER: Das habe ich jetzt akustisch nicht - EXPERTE BMI: Sie haben letzte Nacht in der Stadt künstlichen Rasen auslegen lassen. BÜRGERMEISTER: Polyethylen. Es handelt sich um Polyethylen. EXPERTE BMI: Sie geben entspannte Interviews in der Lokalpresse. In jedes Mikrofon halten Sie Vorträge über die Normalität von Naturschwankungen. Und dann legen Sie bei Nacht und Nebel eine grüne Decke über die Stadt. Ohne dem Bürger vorher Bescheid zu sagen. BÜRGERMEISTER: Ich kann die Kosten jederzeit rechtfertigen. EXPERTE BMI: Der Bürger wacht morgens auf und sieht grünen Dreck vor seinem Fenster. BÜRGERMEISTER: Das sind alles Sondertöpfe. Glas splittert. Lärm einer Menschenmenge von draußen. EXPERTE BMI: Ihre Grundstückspreise fallen ins Bodenlose. Die großen Unternehmen ziehen sich diskret zurück. Touristen buchen um, Veranstalter veranstalten lieber woanders. Mit Umzugswägen verstopfen die jungen Kreativen ihre Ausfallstraßen. Vera bringt einen Pflasterstein. BÜRGERMEISTER: (betrachtet den Stein) Unser Altstadtpflaster. Original 17. Jahrhundert. VERA: Direkt in die Fenster. BÜRGERMEISTER: Unsere Renaissancescheiben - ? VERA: Alle kaputt! *** Szene VI Videowand. Projektion: Bilder einer Neonazi-Demonstration, irgendwo in Deutschland. Die Assistentin spricht zu den Demonstranten im Video. ASSISTENTIN: Ich möchte, dass keine Zweifel bei Ihnen aufkommen. Ich verachte Sie! Ich verachte Sie von ganzem Herzen. Das ist rein körperlich bei mir. Ich sehe Sie und könnte kotzen. Triefaugen und Schweinenasen. Speckig glänzende Schädelwülste. Stirnen, flach wie die neuesten Bildschirme. Wie es dahinter aussieht, ich mag es mir nicht vorstellen. Da wird mir einfach übel. Pardon! Als bürgerliche Politikerin kann ich gar nicht anders. Unser Bündnis wird eine auf herzliche Verachtung gegründete Zweckgemeinschaft sein. Die Verachtung ist meinerseits die Arbeitsgrundlage. Le mepris, la nausée, my disgust! Sie garantieren mir Ihre Wählerstimmen. Ich beteilige Sie an der neuen Verwaltung. Dramatische Ereignisse fordern dramatische Reformen, das ist meine feste Überzeugung. Schluss mit dem  Schlendrian! Ein Ruck muss durch uns hindurch. Wer nicht mitruckt, wird von mir als Schädling betrachtet. Wer in die falsche Richtung ruckt, darf mich kennenlernen. Die Öffentlichkeit erfährt vorerst nichts von unserer Absprache. Sie garantieren hundert Prozent Diskretion. Ich gehe in die Offensive. Wenn der Zug rollt, springen Sie auf. Sind wir uns einig? Schön. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich Ihnen nicht die Hand reiche. Mein Widerwille ist einfach zu groß. Als bürgerliche Politikerin kann ich da nicht anders. Das ist ganz körperlich bei mir. *** Szene XII AUTOR: (ins Publikum) Das Erscheinen eines deus ex machina ist vermutlich der älteste Trick der Theatergeschichte. Das Einschweben einer Gottheit mit Hilfe der Bühnenmaschinerie. Es gibt tragische Konflikte, die lassen sich nicht durch menschliche Handlung lösen. Ihre Klärung muss zwingend “von oben” erfolgen. Siehe Auftritt der Athene bei Euripides. Eine kranähnliche Maschine hebt die Göttin vom Dach des Bühnenhauses zur Spielfläche hinunter - Auftritt Lizzy von Wackenröder. Weiter Schüsse. WACKENRÖDER: Bürgermeister? - Bürgermeister?! BÜRGERMEISTER: (aus der Deckung) Frau von Wackenröder! Hohe, gnädige Frau! WACKENRÖDER: Wo stecken Sie? BÜRGERMEISTER: (kommt zögernd aus der Deckung) Frau von Wackenröder! Die gute Göttin unseres Gemeinwesens! WACKENRÖDER: Kommen Sie her, alter Schmeichler! BÜRGERMEISTER: Worte sind nur Schatten für das, was ich in Ihrer Gegenwart fühle. Jede Stadt dieser Welt beneidet uns um eine Wohltäterin wie Sie. Ich nenne nur einige Ihrer Verdienste: Die Lizzy von Wackenröder-Sammlung im Stadtmuseum. Der Wackenröder-Saal unserer Philharmonie, mit seinen europaweit einmaligen Teakholzböden. Das städtische Wackenröder-Design-Institut. Last but not least, das Wackenröder-Tobehaus für Kinder aus Problemfamilien. WACKENRÖDER: Was gibt’s Neues, Bürgermeister? BÜRGERMEISTER: Schauen Sie aus dem Fenster! WACKENRÖDER: Meine müden Augen sehen grün. BÜRGERMEISTER: Unsere städtischen Wiesen. Heute morgen eröffnet. WACKENRÖDER: Ihr Rasen stinkt. BÜRGERMEISTER: Bitte - ? WACKENRÖDER: Eine Frau steht neben mir, das Kind an der Hand. Wollen wir Ball spielen? Nein, schreit das Kind. Das Gras ist eklig. Es stinkt! BÜRGERMEISTER: Ich gebe zu, ein pikanter Geruch. Vielleicht kann uns Aroma helfen. Etwas allgemein Grasiges. Die Chemiker sind da außerordentlich geschickt. WACKENRÖDER: Sie werden die Kanaille nicht mit einer Zirkusnummer bändigen. Ich kenne das Volk. Ich habe seine Temperamentsausbrüche erlebt. Bin schließlich alt genug. Eines Tages ist Blut die einzige Währung, die noch akzeptiert wird. Viel Zeit bleibt uns nicht. Ich gebe Ihnen Geld, Bürgermeister, und Sie treiben die Kanaille in Ihre Löcher zurück. Haben Sie das verstanden? BÜRGERMEISTER: Sie geben uns Geld. Wie so oft. Natürlich habe ich verstanden. WACKENRÖDER: Der Letzte, der in Deutschland glaubte, es gibt wichtigeres als Geld, war Adolf Nazi. Der Kretin mit dem Friseursgesicht. Hitlers Profil eine Katastrophe. Da war Papa mit seinen Generälen einig. Aber der Deutsche hatte keinen Sinn für Physiognomie. Der reagierte bloß auf Geschrei. Und brüllen konnte er, das kleine Stinktier. Da war so ein Magnetismus. Die Deutschen hatten Sinn für Hitlers Schreie. Für all die blitzgeladenen Dinge, die hinter Hitlers Schreien standen. Die Schreie der deutschen Mystiker hallten in Hitlers Schreien nach. Böhme, Eckart, Novalis - Wo war ich? Ich gebe Ihnen Geld, Bürgermeister. Sie bringen diese Dinge in Ordnung. Meine Anwälte haben alles vorbereitet. (Sie überreicht ihm eine Mappe) Wir wählen die Schenkung. BÜRGERMEISTER: Eine Schenkung! Wie schön! Ihr Engagement auch in schwierigen Zeiten - WACKENRÖDER: Seien Sie still! Sie beginnen noch heute mit der Arbeit. BÜRGERMEISTER: Natürlich. (er öffnet die Mappe) Ich werde meinen Stadtrat unverzüglich informieren und - und - was? - Was ist denn - ?? Was - ?? - SIEBZEHN?? WACKENRÖDER: Für die Erforschung der Ursachen unserer Misere. Und für die Beschaffung von Mitteln zu ihrer Abhilfe. BÜRGERMEISTER: SIEBZEHN MILLIARDEN EURO? WACKENRÖDER: Die Früchte des familiären Erfolges seit zwanzig Generationen. Soll sich die geistige Elite darum balgen. Die Graubärte und die jungen Wilden. Sie sollen Teams bilden. Sich als Partisanen durchs Unterholz wühlen. Ich zahle alles. BÜRGERMEISTER: Sie zahlen alles - ***